Welche Auswirkungen haben Bewerten und Verurteilen auf unser Leben?

Der Hammer im Gericht

Ich hab gestern in einem Forenbeitrag gelesen, dass man sich nur selber belügen würde, wenn man glaube, es schaffen zu können, auf der Erde nichts mehr zu verurteilen oder zu bewerten. Dieser Aussage kann ich im Großen und Ganzen nur zustimmen. Und während ich so darüber nachdachte, fand ich, dass es wertvoll wäre, sich diese beiden Begriffe mal genauer anzuschauen, denn ich finde, es gibt zu dem Thema einige Verwirrung.

Das erste, was mir dabei auffällt, ist, dass es für mich einen Unterschied gibt zwischen etwas bewerten und etwas verurteilen. Wie fühlt sich für dich die Energie des jeweiligen Wortes an? Ich beschreibe mal meine Wahrnehmungen dazu.

Das Bewerten

Ich möchte ohne Bewertung in meinem Leben nicht sein. Bewertung hilft mir, meine Schöpferkraft bewusst zu nutzen. Wenn sich in meinem Leben etwas zeigt, gefällt mir das entweder oder es gefällt mir nicht. Diese Bewertung geschieht zumeist automatisch. Und vermutlich erfolgt sie zu großen Teilen aus meinen Erfahrungen der Vergangenheit.

Wenn ich mag, kann ich noch mal genauer hinschauen, ob ich meine automatischen Bewertungen so aufrecht erhalten möchte oder ob sich daran etwas geändert hat. Doch das Ganze geschieht ohne emotionale Bindung an das Geschehen.

Gefällt mir das, was sich mir zeigt, kann ich etwas für seine Stärkung tun. Ich kann dafür sorgen, dass es in meinem Leben stabil wird und so Teil meiner jetzigen Erfahrung wird. Gefällt es mir nicht, kann ich mich von dem, was sich da zeigt, abwenden und eine andere Wahl treffen, mich also etwas anderem zuwenden. Die Energie fließt mit dem eigenen Fokus.

Bewertung ist also für mich ein einfaches Mittel für Schöpfung. Mag ich, mag ich nicht. Ganz einfach. Das gilt für Individualschöpfungen genauso wie für Kollektivschöpfungen.

Das Verurteilen

Beim Verurteilen wird die Sache komplexer und ggf. herausfordernder. Es ist klar, dass es sich zunächst um eine negative Bewertung handelt. Doch wird dieser negativen Bewertung („mag ich nicht“) beim Verurteilen noch eine starke emotionale Energie beigegeben. Zumeist in Form von Ablehnung, Härte und Unnachgiebigkeit. Ich beginne gegen das Ungewollte zu kämpfen, will es auf keinen Fall in meinem Leben haben und fördere auf diese Weise seine Existenz.

Durch die starke emotionale Energie wird die Existenz dessen, was ich verurteile in meinem Leben gestärkt. Die Energie folgt dem eigenen Fokus. Und wir können unseren Fokus nicht von etwas abwenden zu etwas anderem hin, wenn wir dieses Etwas zutiefst ablehnen. Wir brauchen Energie, um Mauern aufrecht zu erhalten, die das Abgelehnte von uns fern halten soll. Das kostet jede Menge Kraft und kann bis hin zu Krankheit und Tod führen.

Ein weiterer Aspekt dieser Verurteilung ist, dass es sich um ein abgelehntes Etwas handelt, das ja auch in mir ist. Wenn tatsächlich alles eins ist (und für mich fühlt es sich deutlich so an), dann bin ich alles und dann bin ich auch das, was ich verurteile. Das ist eine zusätzliche Belastung meiner geistigen, energetischen und körperlichen Lebenssysteme.

Wenn ich die Verurteilung u.U. bereits in mein Unterbewusstsein verschoben habe, kämpfe ich in meiner Realität mit Drachen, die ich selbst dauernd neu erzeuge, ohne zu wissen, dass ich die Schöpferin bin. (Dies geschieht ausgiebig auch auf kollektiver Ebene.) Ich gebe den anderen, dem Leben, den Umständen die Schuld an meinem Erleben und verurteile sie.

Doch genau in dem Gefühl, dass das, was ich verurteile, ja in mir sein muss, wenn alles eins ist, liegt auch eine Chance, damit aufzuhören. Höre ich auf, mit dem Drachen „dort draußen“ zu kämpfen und schaue vorbehaltlos und mir wohl gesonnen bis in meine dunkelsten Seelenecken, kann ich finden, was ich in mir verurteile und warum. Manchmal bedarf es einigen Mutes, wirklich hinzuschauen und mir selbst zu vergeben, denn oft widerspricht das, was dort in den letzten Winkeln meiner Seele zu finden ist, der gängigen und erlernten Moral.

Manchmal erscheint es mir auch unmöglich, anzuerkennen, dass auch das, was ich zutiefst ablehne und verurteile, Teile von mir selbst sind, zu mir dazu gehören. Doch bisher habe ich immer einen Weg gefunden. Meistens fehlten mir noch einige Informationen oder Ideen oder Gefühle, um ein wirklich umfassendes Bild zu bekommen. Meine geistigen Begleiter und Freunde haben mir immer die richtigen Impulse gegeben, die ich brauchte, um meine Selbstverurteilung umzuwandeln in eine Art: „Oh je, so was habe ich mal getan?! Es tut mir leid. Ich sehe deinen Schmerz. Ich sehe meinen Schmerz. Ich habe mir jetzt dafür vergeben. Ich mag das nicht, doch es darf ein Teil von mir sein. Ich nutze diese wertvolle Erfahrung für mich und damit für All-Es und lenke jetzt meinen Fokus auf Schönheit und Freude.“

Natürlich haben dann jene Menschen, die mir als Spiegel dienten, noch nicht damit aufgehört zu tun, was ich ursprünglich verurteilt habe. Doch ich bin durch meine innere Befreiung nicht mehr emotional an sie gebunden. Ich kann meine Kraft, meine Energie in das stecken, was ich auf der Erde erfahren möchte. Ich habe meinen Fokus aus der Vergangenheit ins Jetzt geholt, aus dem Unterbewusstsein, dem Vergessen, dem Dunkel ins Licht der bewussten Klarheit. Ich brauche jene Menschen nicht mehr verurteilen und abzulehnen, sondern es reicht, wenn ich mich einfach anderen Menschen zuwende. Und wenn ich möchte, kann ich noch einen Schritt weiter gehen und ihnen die Liebe und das Verständnis zuteil werden lassen, die ich vorher mir selbst geschenkt habe. Nicht einfach nur über den Verstand, „weil es so spirituell ist“, sondern weil ich es zutiefst so fühle.

Ich möchte betonen, dass ein solches Verständnis nicht dazu führt, zu allem „ja“ und „amen“ zu sagen. Gerade, wenn es sich um ein tief gefühltes Verstehen des Anderen handelt, besteht die Möglichkeit, Grenzen zu setzen, wo Grenzen hingehören, ein klares „Nein“ zu sagen, wo ein klares „Nein“ hingehört. Doch es ist ein Unterschied, ob ich dies aus einer bewussten Klarheit und aus der Liebe heraus tue oder ob ich es aus einem ungeklärten Versuch tue, die Dinge in mir selbst nicht an mich heran kommen zu lassen und auf diese Weise geradezu dankbar für das Feindbild bin, das mir da geliefert wird, weil es mich von mir selbst ablenkt.

Zu guter Letzt möchte ich jedoch meine Aussage aus meinem Beitrag „Das Ich & die Grenzenlosigkeit“ wiederholen: … auch die Verurteilung ist ein Teil von All-Es. Es bringt also nichts, das Verurteilen zu verurteilen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen jede Menge Nachsicht und Sanftmut mit uns selbst.

PS: Ich möchte klar stellen, was ich unter “Wahrheit” verstehe. Ich betrachte jeden einzelnen Menschen als Schöpfer, also auch als Schöpfer von Realität. Somit gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern mindestens ebenso viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Und um noch genauer zu sein, wir erschaffen die Gesamtwahrheit in jeder Sekunde neu. Ich bitte euch also, das, was ich hier schreibe, als das anzuerkennen, was es ist: meine Wahrheit. Wenn ihr damit etwas anfangen könnt, dann freut es mich. Wenn nicht, dann vergesst es getrost einfach wieder.

Wenn du meine Texte nutzen möchtest, kannst du das gerne tun. Bitte nenne mich (Tanja Richter - Seelen(t)raum - Selbstliebe als Weg) in diesem Fall als Autorin. Selbstverständlich freue ich mich auch über einen Link auf meinen Blog. Ich danke dir für deine Achtsamkeit!

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4 comments

  1. Hallo Tanja,

    vielen Dank für diesen Text! Ich seh das genauso und zu Deinem „PS“ ist mir sofort folgender Spruch von Mahatma Gandhi eingefallen:

    „Ich bin der Wahrheit verpflichtet
    wie ich sie jeden Tag erkenne,
    und nicht der Beständigkeit.“

    Herzliche Grüße, Veronika

  2. Bewerten ist wichtig. Wertfrei ist niemand. Du hast ein eigenes Wertesystem und kannst es und somit dich weiterentwickeln. Dies setzt Flexibilität voraus, Bewertungen zu ändern, wenn man es besser weiß.

    Viele bewerten und behandeln Rückzugsorte (safe havens) als Versicherung bzw. Absicherung und tun so, als würden sie ewig währen und man müßte sich nicht drum kümmern. Erst wenn alles zerstört ist, gibt es ein böses Erwachen. Wir alle wissen es besser.

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