Gefühle im öffentlichen Raum

Es ist ein Stundenplan für die Schule mit Fächern wie Gefühlskunde, Meditation, Glück und Liebe, ...

Im April diesen Jahres war ich bei einem Vortrag über Inklusion und Exklusion von einem Doktor der Philosophie dabei. Schon während des Zuhörens gingen mir viele Gedanken und eben auch Gefühle durch meine Sinne. Und so habe ich mich entschieden, diesem Professor eine Mail zu schreiben, die ich heute hier mit euch teilen möchte. Ich finde es wichtig, darüber zu reden, dass Gefühle in der Öffentlichkeit, in den gesellschaftlichen Strukturen und auch in der Schule, an der Uni und überall endlich ihren Raum bekommen.

Selbstverständlich ändere ich den Namen des Doktors 🙂


Sehr geehrter Herr Dr. X,

mein Name ist Tanja Richter. Wir haben uns bei einer Lehrerfortbildung zum Thema Inklusion kennen gelernt. 

Sie haben dort einen Vortrag über Inklusion und Exklusion gehalten. Ihr Vortrag hat mich lange beschäftigt und tut das auch immer noch. Ich habe bis jetzt darüber nachgedacht, ob ich noch einmal mit Ihnen in Kontakt trete. Nun habe ich mich also zu einem Ja entschieden, denn ich halte es für wichtig.

Während Ihres Vortrags haben Sie immer wieder betont, dass Sie so wunderbar rational seien und ich kann das „Wunderbar“ dabei sehr gut verstehen! Auch ich liebe es, logisch zu sein und meinen Verstand zu benutzen. Ich mag es, intelligent zu sein und die Welt rational zu betrachten. Ich sehe die rationale Betrachtung der Welt tatsächlich auch als Befreiung von z.B. einem Glauben, der dazu geführt hat, dass Menschen unfrei waren und gehalten wurden, einen Glauben, der genutzt werden konnte, um sich über andere Menschen zu stellen, indem gesagt wurde: „Ich habe die Verbindung zu Gott und du nicht, also folge mir!“

Und ich sehe auch den materiellen Fortschritt, den das rationale Herangehen an die Welt uns Menschen gebracht hat!

Sie merken sicherlich, dass es mir nicht um das Verteufeln oder Abwerten des Rationalen geht.

Und jetzt komme ich zu meinem Aber.

Wenn ich mich in das öffentliche bzw. gesellschaftliche Leben begebe, wird fast immer nur eine Seite von mir gebraucht und gefragt. Doch ich bin nicht nur rational. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen. Doch die muss ich zumeist deutlich in den Hintergrund stellen. So ging es mir z.B. während meines Studiums und bei diversen Jobs. Ich habe morgens gemerkt, wie ich die Hälfte meines Ichs, meines Seins, meiner (ich nenne es mal) Seele zu Hause lassen musste. Das heißt, ich war mindestens acht Stunden am Tag nur halb. Zum Ganzsein gehört für mich das Gefühl dazu, also das Nicht-Rationale, das, was auf den ersten Blick nicht erklärbar ist.

Bei meiner Arbeit mit Klienten, beim Begleiten durch ihre inneren Prozesse, bin ich immer wieder erstaunt und manchmal auch schockiert darüber, wie wenig sie ihre eigenen Gefühle kennen oder gar wahrnehmen können. Sie haben es nie gelernt.

Als Kind sind wir vor allem Gefühl, haben wir noch nicht gelernt, rational an die Welt heran zu gehen. Kinder drücken ihre Gefühle zumeist unmittelbar und ungefiltert aus. Das kann sehr anstrengend für die Umwelt sein. Die reagiert dann eben oft auch entsprechend. Eltern und Schule beginnen damit, uns das Ausdrücken von Gefühlen (und erst recht der sogenannten negativen Gefühle) abzugewöhnen. Gefühle sind nicht gefragt. Sie werden im Wertschöpfungsprozess, der später in der Arbeit geschieht, nicht gebraucht. Zumindest zur Zeit nicht. Sie werden eher als hinderlich betrachtet.

Dabei können Gefühle nicht nur anzeigen, wie es einem Menschen geht, sondern sie sind durchaus auch Informationsquelle. Mein Gefühl weiß sofort, wenn mich z.B. jemand belügt, wenn etwas meinen Werten widerspricht, was ich sinnvoll finde. Sie sind der Zugang zu kreativen Schöpfungsprozessen, die ja gerade auch bei Erfindungen wichtig sind. Sie helfen, die Welt noch tiefer zu erkennen und zu verstehen. Doch dadurch, dass sie so selten bewusst wahrgenommen und erst recht nicht genutzt werden, wissen wir später gar nicht mehr, mit ihnen umzugehen oder mit ihnen zu arbeiten.

Das ist auch deshalb nicht mehr möglich, weil sie durch das Unterdrücken, das Wegdrücken und Verleugnen häufig von unbewussten Ängsten, Emotionen usw. überlagert sind. Wir lernen also einen großen Teil von uns selbst abzuschneiden, so dass wir gut funktionieren können in dieser Welt. Das heißt, wir können letztendlich gar nicht authentisch agieren.

Wie frei sind wir dann wirklich? Wie rational sind unsere Entscheidungen dann?

Das geht immer wieder so weit, dass wir unsere eigenen Gefühle nicht als eigen anerkennen, sondern auf andere Menschen oder Situationen projizieren. Wenn eine Situation Traurigkeit in mir auslöst, dann bin nicht ich traurig, sondern die Situation ist es oder der andere Mensch. Ich erlebe meine Gefühle nicht als eigen und kann daher auch nicht angemessen mit ihnen umgehen. Ich beurteile Situationen, Menschen, mich selbst einfach nicht anhand der tatsächlichen Wirklichkeit und bin daher gar nicht in der Lage, eine tatsächlich rationale Entscheidung zu treffen. Wir treffen Entscheidungen sehr, sehr häufig auf der Grundlage unbewusster Emotionen.

Es ist verständlich, dass das Rationale in unserem Bildungssystem und im öffentlichen Raum einen so hohen Stellenwert hat. Das Rationale geht ja schließlich davon aus, dass es da etwas gibt, was für alle Menschen einheitlich gilt. Es ist für jeden beobachtbar, dass wir z.B. atmen müssen. Dies ist rational nachvollziehbar und gilt als Wahrheit. So eine einheitliche Wahrheit erleichtert das Leben ungemein. Es erscheint also vollkommen logisch, Gefühle, die ja vollständig individuell sind, nicht als Mittel zum Erkennen der Welt einzusetzen. Gefühle unterschiedlicher Menschen mögen vielleicht Überschneidungen haben, jedoch sind sie immer gefärbt und haben nicht zwangsläufig eine allgemeingültige Wirklichkeit als Grundlage. (siehe Watzlawik „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“)

Wenn ich mir unsere Sprache und deren Benutzung so anschaue, bin ich immer wieder zutiefst erstaunt, dass wir tatsächlich so einigermaßen gut über sie miteinander kommunizieren können. Nach meiner Beobachtung ist so gut wie jedes Wort mit Emotionen, Erinnerungen, individuellen Deutungen und Definitionen belegt. Allein das Wort „grün“ löst in dem einen Menschen einen Hormonschwall aus, weil er frisches Maigrün vor Augen hat und der andere wird komplett ruhig und wünscht sich Rückzug, weil er sofort an den Frieden von Weihnachten mit seinem Tannengrün denkt.

Das Rationale gibt Sicherheit. Das Nichtrationale erscheint wie ein Fass ohne Boden. Und gerade deswegen halte ich es für absolut wichtig und sinnvoll, Gefühle im öffentlichen Raum zu inkludieren! Warum bringen wir es als Eltern und Gesellschaft unseren Kindern nicht bei, die eigenen Gefühle zu beobachten, sie zu verstehen, sie benennen zu können und damit umzugehen? Warum nutzen wir nicht unseren Verstand, mit unseren Gefühlen umzugehen und sie auch als Erkenntnisinstrument zu nutzen? Um Gefühle kommen wir ja ohnehin nicht drumrum. Und nach meiner Wahrnehmung ist ein Leben mit Gefühlen deutlich wahrhaftiger als ein Leben ohne Gefühle. Wären Gefühle in der Wirtschaft inkludiert … wie sähe unsere Welt heute aus?

Wenn ich versuche, etwas mit dem Verstand zu erfassen, dann kann ich durchaus in eine gewisse Tiefe kommen. Doch, wenn ich mein Gefühl hinzunehme, dann erfasse ich das, was ich untersuche, deutlich tiefer und umfassender, eben mit meinem ganzen Sein. Doch, wenn wir Gefühle als Quelle von Erfassen und Verstehen zulassen, dann stehen wir vor der Herausforderung unterschiedlicher Wahrheiten bzw. Wirklichkeiten. Und da liegt vermutlich der Hase im Pfeffer: Sind wir als Gesellschaft in der Lage, unterschiedliche Wahrheiten als wahr nebeneinander stehen zu lassen? Können wir so ehrlich sein zu sagen, dass wir nur einen Teil der ganzen Wahrheit erfassen können, weil wir als Menschen eben begrenzt sind und die andere Wahrheit daneben stehen lassen? Würde eine solche Heransgehensweise nicht tiefen Frieden bringen können? Brauchen wir diese Sicherheit von „es gibt nur eine Wahrheit“ wirklich? Wie sicher sind wir in uns selbst? Kann uns die andere Wahrheit nicht reicher machen, größer werden lassen und die Welt einfach bunt sein lassen? Wäre es nicht ein schönes Ziel von Unterricht, Kindern so etwas beizubringen? Würden sich Kinder dann nicht in sich selbst deutlich sicherer fühlen? Denn sie wissen, wie es in ihnen aussieht und auch in den anderen, weil darüber geredet wird.

Das Nebeneinander von unterschiedlichen Wahrheiten heißt ja nicht, dass wir nicht auch gemeinschaftlich definieren können, wie wir leben wollen. Selbstgegebene Regeln, Strukturen usw. sind ja dennoch möglich.

Ich halte die Inklusion von Gefühlen im öffentlichen Raum auch deshalb für wichtig, weil das Ignorieren und Wegdrücken dieses Teils von uns selbst zu Krankheiten, Überforderung, Burnout, ja sogar zu Kriegen führen kann. Wollen wir das wirklich? Oder sind wir in unserer gesellschaftlichen Entwicklung an einem Punkt angelangt, an dem Gefühle auch wieder ihren Raum einnehmen dürfen und können? Wie würden Entscheidungen getroffen werden, wenn Gefühle eine bewusste Rolle spielen würden? Wie sehr würde sich ggf. die Mitmenschlichkeit noch weiter ausbreiten?

Ich möchte noch einmal betonen, dass es mir nicht um romantische Gefühlsduselei geht, sondern um Klarheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit mit uns selbst und mit den anderen, ein inneres Aufgeräumtsein und um das Verbinden von Gefühlen mit dem Verstand.

Seien Sie herzlich gegrüßt von
Tanja Richter


Wir drücken unsere eigenen Gefühle sehr oft einfach weg, legen sie beiseite, denn sie behindern uns im Alltag. Wenn unser Gefühl z.B. sagt: “ Ich fühle mich bei meiner Arbeit nicht wohl“, dann braucht es Mut, sich diesem Gefühl zu stellen. Denn wenn wir sie zulassen, dann müssen wir oft genug auch handeln, etwas ändern in unserem Leben. Aus meiner Sicht ist es ggf. erst einmal anstrengend, doch langfristig lohnt es sich, die eigenen Gefühle kennen zu lernen, zuzulassen und ihnen zu folgen. Erst, wenn wir uns zutiefst kennen, können wir verbindlich mit unserer Umwelt interagieren, unterliegen wir nicht mehr irgendwelchen Gefühlsschwankungen, die zu täglich neuen Entscheidungen führen. Wenn wir uns bis in die Tiefe kennen lernen, wissen wir, wer wir sind, was unsere Sehnsucht ist und wie wir eigentlich leben möchten. So können wir entsprechende Strukturen schaffen, die uns dieses Leben ermöglichen.

Herzliche Grüße
Tanja Richter


Möchtest auch du dich zutiefst kennen lernen, begleite ich dich sehr gerne dabei. Auch, wenn es Gefühle in deinem Inneren gibt, die sich nach „Gefahr“ anfühlen, können wir gemeinsam hindurch gehen. In dem Tempo, das du selbst bestimmst. Du wirst dann nicht mehr jede Menge Energie benötigen, diese „gefährlichen“ Gefühle zu unterdrücken und kannst diese Energie nutzen, um das zu kreieren, wonach du dich tatsächlich sehnst. Um einen Termin mit mir zu vereinbaren, kannst du mir eine eMail (t.richter@seelen-t-raum.de) schicken oder mich anrufen (08039 40 70 138).


PS: Ich möchte klar stellen, was ich unter “Wahrheit” verstehe. Ich betrachte jeden einzelnen Menschen als Schöpfer, also auch als Schöpfer von Realität. Somit gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern mindestens ebenso viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Und um noch genauer zu sein, wir erschaffen die Gesamtwahrheit in jeder Sekunde neu. Ich bitte euch also, das, was ich hier schreibe, als das anzuerkennen, was es ist: meine Wahrheit. Wenn ihr damit etwas anfangen könnt, dann freut es mich. Wenn nicht, dann vergesst es getrost einfach wieder.

Wenn du meine Texte nutzen möchtest, kannst du das gerne tun. Bitte nenne mich (Tanja Richter - Seelen(t)raum - Selbstliebe als Weg) in diesem Fall als Autorin. Selbstverständlich freue ich mich auch über einen Link auf meinen Blog. Ich danke dir für deine Achtsamkeit!

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3 comments

  1. ~GEVATER GOTT ~
    ~ TERRA Xx 27 (ist im Himmel SOL*AVANA oder die ERDE~!~)
    ~ Es geht um UNIVERSELLE LIEBE~GEFÜHLE~EMO’s ~!!!~
    ~ Mit herzlichtem Gruß
    ~ Please n‘ Peace ~ Go~*ON* ~Line

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