Der Segen eines Streits

zwei Ziegen, die sich mit ihren Hörnern ineinander verkeilen

Streiten erhält Freundschaften und Beziehungen. Streiten gehört zum Leben dazu. Gelungenes Streiten will gelernt sein.

Immer wieder treffe ich auf Menschen, die sich scheuen und weigern, einen Konflikt auszuleben. Und immer wieder habe ich erlebt, dass Beziehungen aufgrund dieses Verhaltens auseinander brechen. Dabei liegen in einem zünftigen Streit echte Geschenke.

Als erstes möchte ich einmal beschreiben, was ich unter einem gelungenen Streit verstehe. Oft wird Streit mit einem reinigenden Gewitter verglichen und genau das ist es auch nach meinem Gefühl.

Die Blitze – das helle, sehr elektrische Licht – beleuchten Strukturen und Muster, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten einer Beziehung. Wenn wir uns auf einen Streit einlassen, können wir nicht mehr an diesen Mustern vorbei schauen. Scheinbare Harmonie ist nicht mehr möglich. Es wird eine Zeitlang chaotisch, um sich neu zu strukturieren.

Das dazugehörige Donnergrollen sind Emotionen, die sich Bahn brechen. Diese Emotionen haben nach meiner Beobachtung oft zwei Quellen:

  • die aktuelle Beziehung, die aus den Mustern und Verhaltensweisen beider Beteiligten besteht und
  • frühere unverarbeitete und nicht integrierte Erfahrungen mit anderen Menschen, die durch den Konflikt berührt werden.

Ein Streit bringt dies alles auf den Tisch und das ist gut so. Die Frage ist: wie gehen wir mit einem solchen Gewitter und dem, was es offenbart, um? Dazu müssen wir uns die Frage beantworten, wie viel uns an der Beziehung mit dem anderen Menschen liegt. Ist sie uns nicht wichtig, dann können wir uns anschauen oder auch nicht, was auf dem Tisch liegt und gehen. Es braucht keine weitere Auseinandersetzung, kein Ringen um ein Miteinander.

Haben wir ein Interesse am Anderen, dann ist es unumgänglich, in sich selbst hineinzuspüren und den Haufen Muster und Emotionen, der nun offen auf dem Tisch liegt, zu entwirren. Dieser Faden gehört zu mir und jener hier zu dir. Woher kommt der Faden? Liegt die Ursache in unverarbeiteten Erfahrungen von mir oder dir? In dem Falle braucht es Heilung innerhalb des jeweiligen Beteiligten. Liegt die Ursache in unserer Beziehung? In diesem Fall müssen wir schauen, ob es sich um simple Missverständnisse oder Muster handelt, die geändert werden können.

Bei spirituellen Menschen begegnet mir immer wieder auch die Ansicht, ein jeder Mensch sei für seine Gefühle und Emotionen selbst verantwortlich. Das unterschreibe ich zu einem großen Teil auch. Und gleichzeitig bin ich verletzbar. Man kann mich verletzen. Haut mir jemand verbal oder durch eine Handlung eine runter, bin ich irritiert und weise ihn darauf hin, denn ich gehe davon aus, dass der Andere das eigentlich nicht will. Tut dieser jemand das immer weiter, werde ich irgendwann wütend und traurig. Bin ich in diesem Falle für meine Gefühle verantwortlich?

Selbstverständlich sollte ich in der Lage sein, mit diesen, meinen Gefühlen umzugehen und mich den Rest meines Lebens nicht von ihnen bestimmen zu lassen. Und ganz sicher kann ich Grenzen setzen und mich selbst wieder in eine Situation bringen, in der es mir gut geht. Und ebenso sicher ist es auch ausgesprochen hilfreich, in mir selbst zu schauen, warum ich überhaupt in diese Situation geraten bin, denn das hat immer mit mir selbst zu tun. Doch die Gefühle selbst wurden durch den anderen Menschen in der Beziehung ausgelöst. Lässt der andere sich nicht auf einen Konflikt ein, dann geht diese Beziehung auseinander, sofern der Mensch, der verletzt wird, frei und stark genug ist.

Eine andere und für meinen Geschmack ungesunde Variante, die nach meiner Beobachtung immer noch sehr oft gelebt wird, ist es, sich weiter verletzen zu lassen, eine Scheinharmonie aufrecht zu erhalten, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen und in der Beziehung zu bleiben. Doch das ist aus meiner Sicht selbstverletzendes Verhalten und liegt tatsächlich komplett in der eigenen Verantwortung.

Es liegt in der Natur eines Gewitters, laut und chaotisch zu sein. Ist eine Beziehung stabil genug, um einem solchen Chaos Raum geben zu können, einfach weil die Emotionen hier und jetzt nun einmal da sind? Dürfen Wut, Aggression und Verletzung ausgedrückt werden, auch wenn sie ihre Ursachen nicht nur in der Beziehung selbst haben?

Welch ein Geschenk! Wir dürfen authentisch und einfach da sein! Aus meiner Sicht ist das ein echter Liebesbeweis. Sowohl für jenen, der diese Gefühle gerade ausdrückt und sich zeigen darf, als auch für jenen, der sie empfängt. Denn derjenige, der sie empfängt, bekommt den ganzen Menschen, all seine Verletzlichkeit. Solchen Gefühlen Raum geben zu können, verlangt Vertrauen. Eine Freundin von mir erzählte mir erst vor kurzem, dass sie dieses Vertrauen nur bei einem einzigen Menschen hat, denn bei ihm weiß sie, dass das Zeigen der Wut an der Beziehung selbst nichts ändert.

Der Aufbau eines guten Streits

Das Chaos

Ein guter Streit hat mehrere Phasen. Die erste Phase ist das Chaos. In dieser Phase ist so gut wie alles erlaubt. Auch solche Wörter wie „immer“ und „nie“, laut sein, Türen knallen, Kissen werfen, sich widersprechende Aussagen, Absurdität, …

Ich selbst habe gelernt, meine Wut auszudrücken und mich gleichzeitig zu beobachten. Der eine Teil von mir kann Rumpelstilzchen sehr ähnlich sehen und ein anderer Teil von mir hockt auf einem Berg, schaut sich das Rumpelstilzchen von oben an, beobachtet und kichert gerne mal leise vor sich hin. So kann ich schon in dieser Phase Muster von mir selbst erkennen, muss aber noch nicht auf meine Erkenntnis reagieren.

Auch das Zuhören ist in dieser Phase schon sehr wichtig. Nehme ich mein Gegenüber ernst, höre ich zu und nehme auf, auch wenn ich darauf erst einmal mit meinem eigenen Muster und mit meiner Wut reagiere.

Die Phase des Insichgehens

Wenn wirklich alles auf dem Tisch liegt, braucht es eine Zeit des Rückzugs und des Insichgehens. Ich schaue, was das alles mit mir selbst zu tun hat. Wo liegen alte Muster in mir? Welche Emotionen kommen wo her? Welche Projektionen habe ich über die Beziehung und den anderen gelegt? Wo spüre ich Projektionen vom anderen auf mir?

Manchmal braucht es einige Zeit, bis ich mir auch den Gedanken erlaube, dass der andere Recht haben könnte. Ich probiere aus, was es mit mir macht, wenn ich diesen Gedanken zulasse.

Bisher war das immer sehr befreiend. Denn, auch wenn ich dann feststellen sollte, dass der andere sich in Bezug auf mich irrt, brauche ich nicht mehr im Widerstand sein und kann den anderen verstehen. Das versetzt mich in die Lage, ganz neutral schauen zu können, ob ich mein Verhalten ändern möchte und kann, damit der andere nicht mehr von mir getriggert wird oder ob ich bei meinem Verhalten bleiben möchte, weil ich es für richtig halte und wir u.U. verhandeln müssen.

Stelle ich fest, dass ich tatsächlich verletzend gehandelt habe,  ich vielleicht gar nicht den anderen gemeint habe, sondern irgendeine Person aus meiner Vergangenheit, spätestens dann ist es an der Zeit, „Es tut mir leid,“ zu sagen. Darauf komme ich später noch zu sprechen.

Die Phase des gemeinsamen Reflektierens und des Verhandelns

Nach dem Insichgehen kommt die Phase des gemeinsamen Reflektierens. Jeder hat sich den Haufen angeschaut, der auf dem Tisch liegt und erzählt dem anderen, was er darin erkannt hat. Ich-Sätze, Bezugnehmen auf konkrete Situationen (kein „immer“ oder „nie“ mehr) und aktives Zuhören sind in dieser Phase hilfreich.

Zum einen geht es bei diesen Ich-Sätzen darum, dem anderen zu erklären, woher das eigene Handeln, die eigenen Emotionen kommen (Ich habe in mir das und das abgelehnt, die und die Verletzung entdeckt, …). Zum anderen geht es aber auch darum, sich selbst in Bezug zum Verhalten des anderen zu setzen (Bei mir kommt dieses oder jenes an, wenn du dieses oder jenes tust oder sagst und es fühlt sich so und so an.).

Aktives Zuhören, also das Wiederholen dessen, was ein jeder gehört hat, bringt Missverständnisse zu Tage. (Wie ich immer wieder sage und schreibe, finde ich es ein Wunder, dass wir Menschen überhaupt in der Lage sind, uns über Wörter zu verständigen. Oft haben wir sehr unterschiedliche Interpretationen und Gefühle an Wörter gebunden.) Ein Den-anderen-verstehen-wollen ist also eine absolute Notwendigkeit für die gelungene Bearbeitung eines Konflikts.

Wenn wir einander verstanden haben, fällt es uns Menschen nach meiner Beobachtung oft leicht, das eigene Verhalten zu ändern. Selten handelt es sich um Änderungen, die eine echte Herausforderung oder eine Unmöglichkeit darstellen. Oft genug braucht es auch gar keine Änderung, sondern nur das gegenseitige Verstehen, denn oft genug können wir Menschen uns schon entspannen, wenn wir uns gesehen fühlen und sein dürfen.

Es tut mir leid, bitte verzeih mir

Ich merke immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, diese Worte zu sagen. Warum eigentlich? Was ist so schwer daran? Geht es um das Schuldeingeständnis, das scheinbar daran geknüpft ist? Oh ja! Wir gestehen uns und dem anderen ein, Täter zu sein. Wir haben etwas getan, egal, ob wir es tatsächlich böse gemeint haben oder aus Versehen jemandem zu nahe getreten sind, ob irgendwelche unbewussten grenzüberschreitenden Muster eine Rolle spielen oder nicht. Der andere hat sich verletzt gefühlt und das ist es, was mir leid tut. Das muss nicht unbedingt heißen, dass ich Schuld auf mich nehme.

Doch auch, wenn ich mich irgendwie schuldig gemacht habe, was ist so schlimm daran? Ja, Schuld fühlt sich nicht toll an. Doch ist es wirklich die Schuld an sich, die sich nicht toll anfühlt oder ist es doch eher mein eigenes Urteil über mich selbst und mein Widerstand, der die Schuld gefühlt noch größer werden lässt?

Ich befürchte, dieses Schuldthema ist ein Knackpunkt, warum Menschen sich nicht auf Konflikte einlassen können oder wollen. Genau an dieser Stelle liegen oft viele Themen, die wir aus der Vergangenheit mit uns herumschleppen und die noch in uns brodeln. Doch ich glaube, das ist mindestens einen weiteren Blogbeitrag wert.

Also … mit den Worten „Es tut mir leid,“ sage ich zunächst einmal: „Ich habe dich gesehen.“ Inwieweit ich Verantwortung für das übernehme, was mein Verhalten in dem anderen ausgelöst hat, gilt es extra anzuschauen.

Diese Phasen können selbstverständlich in Intervallen auftreten und sich vermischen.

Geschenke erkennen und annehmen

Welche Fähigkeiten brauchen wir, um die Geschenke, die in einem Streit liegen, zu erkennen und annehmen zu können?

  • Chaos und Disharmonie aushalten
  • nicht sofort eine Lösung haben wollen
  • authentisch sein
  • die eigenen Grenzen kennen, sie ggf. verschieben zu können oder aber tatsächlich zu ihnen zu stehen
  • Vertrauen in uns selbst, in das eigene Gefühl und in die Beziehung
  • Klarheit
  • die Stärke, sich im eigenen Schwachsein zu zeigen
  • Zuhören können
  • Bereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstreflektion
  • Selbstliebe
  • den Willen, den anderen zu verstehen
  • die Fähigkeit, nicht (alleine) Recht haben zu müssen
  • die Fähigkeit, sich selbst zu verzeihen (Dem anderen müssen wir meinem Gefühl nach höchst selten verzeihen, denn wenn wir ihn verstehen, merken wir meist, dass es gar nichts zu verzeihen gibt.)
  • Demut
  • über sich selbst lachen können

Was tötet eine Beziehung ganz sicher, sofern wir Augenhöhe für einen Wert halten?

  • anhaltende Ignoranz
  • Respektlosigkeit
  • Sarkasmus
  • Kommunikationsabbruch (ohne die Bereitschaft zu zeigen, sich später dem Konflikt zu stellen)
  • in der Chaosphase hängen bleiben
  • sich über den anderen stellen

Die Listen können beliebig und individuell erweitert werden.

Mir begegnen so selten Menschen, die wirklich konfliktfähig sind, dass ich mich inzwischen tatsächlich bedanke, wenn mir jemand seine Wut schenkt und offen in den Konflikt mit mir geht. Es ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich streite mich mit Menschen, die es mir wert sind. Streiten ist ja auch anstrengend. Ich muss die Energie und den Willen aufbringen, mich darauf einzulassen. Ich streite mich also nicht mit dem Gartennachbarn über zu hohe oder niedrige Hecken. Der Aufwand ist mir viel zu hoch. Ich streite mich auch nicht um des Streites willen, doch ich gehe ihm nicht aus dem Weg, wenn er an die Tür klopft.

So, wie ich dafür plädiere, schon in der Schule zu beginnen (lieber noch früher), Kindern beizubringen, die eigenen Gefühle nicht nur zu fühlen, sondern sie auch zu reflektieren, halte ich es für ebenso sinnvoll, zeitig damit anzufangen, streiten zu lernen. Seien wir mutig! Geben wir Gefühlen und Konflikten einen angemessenen Raum in unserem privaten und auch im öffentlichen Leben!


Wünschst du dir/ wünscht ihr euch Unterstützung in einem Konflikt, möchtest du deine/ möchtet ihr eure eigenen Gefühle gemeinsam mit mir reflektieren, erreicht ihr mich per eMail unter t.richter@seelen-t-raum.de oder 08039 40 79 138.

Es grüßt dich wie immer herzlich
Tanja


PS: Ich möchte klar stellen, was ich unter “Wahrheit” verstehe. Ich betrachte jeden einzelnen Menschen als Schöpfer, also auch als Schöpfer von Realität. Somit gibt es nicht die eine Wahrheit, sondern mindestens ebenso viele Wahrheiten, wie es Menschen gibt. Und um noch genauer zu sein, wir erschaffen die Gesamtwahrheit in jeder Sekunde neu. Ich bitte euch also, das, was ich hier schreibe, als das anzuerkennen, was es ist: meine Wahrheit. Wenn ihr damit etwas anfangen könnt, dann freut es mich. Wenn nicht, dann vergesst es getrost einfach wieder.

Wenn du meine Texte nutzen möchtest, kannst du das gerne tun. Bitte nenne mich (Tanja Richter - Seelen(t)raum - Selbstliebe als Weg) in diesem Fall als Autorin. Selbstverständlich freue ich mich auch über einen Link auf meinen Blog. Ich danke dir für deine Achtsamkeit!

2011 Besucher gesamt 5 Besucher heute

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Vielleicht interessiert dich auch ...?